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Reise zur serbischen Seele

Es geht mit dem Auto in die Hügel nordöstlich von Kragujevac. Eine halbe Autostunde vom Stadtzentrum entfernt wähnt man sich in einer anderen Welt.

Kleine Dörfer oder einzeln in die Landschaft eingesprengte Bauernhäuschen die in die Landschaft passen und ein für westeuropäische Augen romantisches Bild abgeben.
Ziegen grasen unter den zu jedem Bauernhaus gehörenden Pflaumenbäumen. Hähne stehen auf den Misthaufen, leichter Rauch steigt aus den Schornsteinen auf, Heu türmt sich kunstvoll aufeinandergeschichtet hier und da auf.

1. Zwischenstopp:

Blumenbauer und Selbstversorger „Wir standen vor dem nichts, da mussten wir uns etwas überlegen“, so der Familienvater. Die Idee kann nun eine ganze Familie, vier Generationen, „ernähren“. Und auch die Jungen sehen für sich wieder eine Zukunft auf dem Land. Mit viel Improvisationstalent hat die Familie Treibhäuser gebaut, ein uriges altes Heizungssystem instaliert und züchtet nun Blumen. Stolz wurden wir herumgeführt, lernen, dass sich Äpfel haltbarer in Stroh lagern lassen und wie eine Schnapsdestilerie mit einfachen Mitteln gebaut und betrieben werden kann.

Zu Gast in einer unbekannten Familie...

Zu Gast in einer unbekannten Familie

Den Schnaps gab es zum Schluss auf der Veranda im Kreise der Großfamilie, dazu Kaffee, selbst gemachten Kuchen und selbst gemachte Pralinen.

2. Zwischenstopp:

Bei dem aus Deutschland heimgekehrten Rentnerpaar
„Unsere erwachsenen Kinder sind in Deutschland geblieben, aber wir wollen nach 30 Jahren in Deutschland hier in Serbien unseren Lebensabend verbringen.“ Jahrelang haben sie für diesen Traum gearbeitet und Stück für Stück in Eigenarbeit ein schönes Haus gebaut, mit kleinem Swimming Pool in einem Garten deutscher Akkuratesse. Pflaumenbäume fehlen soweit ich sehen kann. Auf einem Plastikgartenstuhl sitzend fühle ich mich wie in einem deutschen Vorgarten, meilenweit entfernt von der Blumenfamilie.

3. Zwischenstopp:

Wir biegen von der Straße ab und rumpeln auf ein kleines Bauernhaus zu. Im Garten, unter Pflaumenbäumen, wird gerade ein geschlachtetes Schwein auf einer Plastikplane von zwei alten Männern zerlegt. Eine Frau steht im Garten am Tisch und knetet einen dünnen Teig.

Einer der drei Alten kommt auf uns zu, begrüßt uns freundlich und führt uns in einen Kelleraum. Überraschend stehen wir in einem Atelier und bestaunen die Werke naiver Malerei, die von Sekunde zu Sekunde mehr Wirkung entfalten. Der alte Mann erzählt, dass er mit 43 Jahren angefangen hat zu malen und das er die Schönheit seiner Heimat dokumentieren möchte. Stolz und gleichzeitig sehr zurückhaltend erzählt er, der nur vier Jahre zur Schule gegangen ist, dass er Bilder schon in alle Welt verkauft hat und sie auf mehreren Ausstellungen gezeigt wurden. Vergilbte Zeitungsauschnitte dokumentieren dies. Mit dem obligatorischen Glas Pflaumschnaps in der Hand lassen wir die Atmosphäre auf uns wirken und lauschen dem alten Mann. Bei der Verabschiedung laden seine Frau und er uns für den übernächsten Tag ein. Da gäbe es ein großes Fest zu Ehren des Schutzpatrons des Hauses, darum auch das geschlachtete Schwein.

Zurück in der lauten stinkenden Stadt fragen wir unseren "Reiseleiter" warum er diesen Ausflug mit uns gemacht hat. Seine knappe Antwort: "Ich wollte Euch die serbische Seele zeigen."

Achim Riemann