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Erster Tag: Fahrt nach Belgrad

Von München mit dem Nachtzug nach Jugoslawien, und ich bekomme als einziger keinen Liegeplatz im Abteil... Mir gegenüber eine Kroatin Mitte Fünfzig, die allerhöchstens an ihrem Dialekt als ursprünglich auswärtig zu identifizieren ist. Sie hätte genauso gut aus Süddeutschland oder Österreich kommen können. Also nutze ich die Gunst der Minute, ehe auch sie einschlafen will und komme so nach und nach mit ihr ins Gespräch, über die bevorstehende Grenze nach Salzburg, die Durchfahrt durch Kroatien, zwangsläufig den Krieg und die Religion.

Gerade letzteres will ich unbedingt von ihr wissen, wie das im Zusammenhang mit den Zündeleien auf dem Balkan stand? Vorausschicken muss ich, dass ich als nördlichster Teilnehmer ganz aufgeregt bin, endlich einmal die Berge zu sehen (hier war ich ehrlich noch nicht). Umso größer die Enttäuschung, als wir des nachts ausser nur leichtem Schneetreiben nichts diesbezügliches zu erahnen bekommen. Und Salzburg sah denn auch ganz flach und eben aus, ganz so wie in Bremen!

Warum es keine Schwierigkeiten mit ihr an der deutsch-österreichischen Grenze gäbe, frage ich mein Gegenüber. Das wäre noch nie der Fall gewesen, auch früher nicht, da Jugoslawen bevorzugt behandelt wurden. Und nun, nun sei sie ja schon seit über dreißig Jahren in Deutschland. In dieser Zeit ist sie ganze dreimal zurück an die serbische Grenze im äußersten Kroatien gefahren, und dann auch nur zu ihrer Mutter wie dieses mal auch.

Schnarchnase im Zug

Schnarchnase - Im Zug will die Zeit
nicht vergehen

Sie beschreibt mir die Berge so, als hätte sie Mitleid mit mir, dass ich sie nicht sehen würde. In meiner Vorstellung male ich sie mir genauso aus, wie ich sie tatsächlich einige Stunden später bei herrlichem Sonnenwetter in der Ferne schemenhaft erkenne. Und ich frage erneut, warum dieser Konflikt, dieser Hass zwischen Menschen, die jahrzehntelang friedlich zusammengelebt haben. Dass es früher aber nicht ganz so friedlich war, erfahre ich.

Serben und Kroaten haben sich den Erfolg immer gegenseitig geneidet, letztendlich hatten aber die Slowenen immer als lachende Dritte den stabilsten Lebensstandard, so meine Gesprächspartnerin. Das sehe ich an der akkuraten Ausrichtung ihrer Häuser mit Vorhöfen und großen Grundstücken, in den Hang hinein gebaut. Da habe sich nichts verändert seit damals, erklärt sie mir. Ich argumentiere, der größte Fehler des Sozialismus war, dem Glauben abzuschwören und eine Ersatzreligion zu schaffen. Das hat die Menschen aufgewiegelt, weil sie keine Basis mehr hatten, auf der Zwischenmenschlichkeit eher möglich gewesen wäre. Doch ich fühle, ich werde noch viele Vorurteile widerlegt bekommen, auf dieser Fahrt nach Serbien.

Björn Wehrs