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Krieg im Urlaubsland

Vom Urlaubsland zum Kriegsschauplatz

In den 80er Jahren war Jugoslawien ein beliebtes Urlaubsland mit Meer und Bergen (zu sehen in vielen „Winnetou“-Filmen), kommunistisch zwar, aber irgendwie freier als die DDR und nicht so teuer wie Spanien oder Italien.

1991 berichteten die Zeitungen dann plötzlich über bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen einer serbischen Minderheit in Kroatien und kroatischen Nationalisten. Das jugoslawische Bundesheer versuchte, die Ordnung wieder herzustellen. Kroaten? Serben? Weder waren mir die Grenzen von Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien bekannt, noch hätte ich die Unterschiede seiner BewohnerInnen nennen können. Viele JugoslawInnen wussten um die Unterschiede, etwa in der Religionszugehörigkeit. Aber welche Bedeutung hatten sie im alltäglichen Leben? Der Kriegsberichterstattung in deutschen Zeitungen und im Fernsehen konnte ich oft nicht folgen. Hängengeblieben sind Bilder aus dem belagerten Sarajevo, von Massengräbern, Berichte von Massakern, Vergewaltigungen und Flüchtlingströmen. Die Einteilung in „Gut und Böse“ schien relativ einfach zu sein: auf der einen Seite die „westlich“ orientierten Kroaten, auf der anderen Seite die aggressiven Serben, die gegen die Unabhängigkeit der anderen ankämpften. Doch warum griffen in Kroatien lebende Serben zu den Waffen? Aus Nationalismus? Aus Angst? Warum kämpften paramilitärische kroatische Truppen gegen Muslime in Bosnien? Warum bringen sich Menschen um, die jahrelang Tür an Tür gewohnt haben? Auf diese Fragen konnte mir die Tagesschau keine Antwort geben.

Das Phänomen Krieg

Das kroatische Vukovar war die erste Stadt Europas seit dem zweiten Weltkrieg, die durch einen Krieg zerstört wurde. Ebenfalls zerstört wurde der Glaube, Europa habe das Phänomen Krieg für immer hinter sich gelassen. Die dunkle Seite der Zivilisation zeigte sich plötzlich nicht nur vereinzelt, sondern als Massenphänomen.

Zastava Verwaltungsgebäude

Die Zentrale des Zastava-Werkes
in Kragujevac

Und das nicht im fernen Ruanda, sondern „nebenan“. In den Medien wurde der Krieg fast stereotyp als quasi natürliche Folge schon immer vorhandener ethnischer Konflikte begründet, die nur durch die „starke Hand Titos“ im Zaum gehalten worden seien. Rückständige Strukturen und das aggressive Vorgehen serbischer Söldnertruppen dienten als Erklärung für die Grauen des Krieges. Weshalb aber konnten ethnisch-kulturelle Unterschiede plötzlich zu politischem Zündstoff werden? Offen blieb auch die Frage, wer den angeblich so tief verwurzelten Hass neu entfachte. Wer profitierte von den Balkankriegen? Auch diese Frage wurde viel zu selten gestellt.

Über die Kriege wollen unsere Gastgeber und auch unsere anderen kroatischen und serbischen Gesprächspartner nur ungern reden. Eine wohltuende Ausnahme bildet nur Nenad Vukosavljevic vom „Center for Nonviolent Action“. Im Gespräch mit ihm wird deutlich, wie wichtig eine Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg für das Land wäre. Damit aus alten Ressentiments nicht neuer Zündstoff wird und damit deutlich werden kann, welche Verbindung aus Mafia und Politik da eigentlich gezündelt hat.

Im Belgrader Caféhaus

Draußen nieselt es. Bis zur Abfahrt unseres Zuges sind es noch einige Stunden, und so haben wir uns in ein Café in der Belgrader Innenstadt zurückgezogen. Das Café strahlt leicht angestaubte Eleganz aus und erinnert an Wiener Caféhäuser, auch wenn es „Russische Verzauberung“ heißt.

Wir lesen. Schräg hinter mir sitzt ein dunkelhaariger Mann mit schmalem, intelligentem Gesicht im schwarzen Rollkragenpullover. Vor ihm liegen einige lila Blätter, die er unablässig beschreibt. Seinen Kopf bewegt er rhythmisch. Komponiert er? Neugierig schiele ich auf sein Papier. Darauf sind keine Noten zu finden, eher Feuerwerkskörper. Der Mann zeichnet Strahlenfiguren, schwarze Kreise und sich davon wegbewegende Pfeile. Immer wieder. Immer neue Kreise. Und erst jetzt höre ich seine Stimme. Während er sich immer wieder an den Kehlkopf fasst, stößt er immer wieder ein „Bumm, Bumm“ aus. Ich fühle mich, als hätte ich etwas Unerlaubtes gesehen, eine Intimsphäre verletzt. Und erst jetzt fällt mir auf, dass der Mann isoliert sitzt, vor sich nur ein Glas Wasser. Im ehemaligen Jugoslawien leiden viele aus dem Krieg zurück gekehrte Soldaten unter dem sogenannten „posttraumatischen Stresssyndrom“. Hilfe erhalten sie nur selten.

Vom Kriegsschauplatz zum Urlaubsland

Kroatien ist heute wieder ein beliebtes Urlaubsziel. Reizvolle Landschaften, Sonnengarantie und günstige Unterkünfte locken immer mehr Deutsche ins Land. Die Zahl der UrlauberInnen hat inzwischen den Stand der 80er Jahre erreicht. Nach Serbien fahren nur wenige, Serbien liegt nicht am Meer.

Bianca Beck