Inhalt

Eine Stadt im Wandel oder am Abgrund?

Kragujevac 1990: 50.000 Menschen gehen jeden Tag zur Arbeit in das Zastava-Werk am Rande der Stadt. In dieser Automobil- und Waffenfabrik findet ein Großteil der industriellen Produktion Serbiens statt. Kragujavac ist eine blühende Stadt.
Kragujevac 2002: Mehr als 50.000 Einwohner von Kragujevac sind arbeitslos, darunter 20.000 junge hochqualifizierte Menschen unter 30 Jahren. Das Zastava-Werk ist nur noch zu 10% ausgelastet, die Waffenproduktion ganz stillgelegt. Kragujevac steckt in einer tiefen wirtschaftlichen und sozialen Krise. 20.000 serbische Flüchtlinge aus Kroatien, Bosnien und dem Kosovo erschweren die Situation zusätzlich.

Diese Momentaufnahmen von Kragujevac liegen nur 12 Jahre auseinander und trotzdem möchte man kaum glauben, dass hier die Rede von ein und der selben Stadt ist.

Kragujevac hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Für die Bewohner ist es nicht einfacher geworden, trotz der Niederschlagung der Diktatur Milosevics und der Einführung demokratischer Strukturen.
Der erhoffte europäische Standard will sich nicht einstellen. Schuld daran sind sicherlich unter anderem die fehlenden Investitionen aus dem Westen. Serbiens politische Lage gilt als nicht stabil genug, das Land als nicht sicher. Die serbische Gesetzgebung hat sich nicht weitgehend genug gewandelt. So etwas schreckt Investoren ab. Dabei gibt es hier geschulte und billige Arbeitskräfte genug. Die Bedingungen zum Beispiel für ökologischen Landbau sind ideal. Nur die passenden Partner fehlen. Doch ohne diese scheint es schwer möglich, die rund 20.000 Menschen zu beschäftigen, die noch nie die Chance hatten zu arbeiten. Der größte Teil von ihnen sind Frauen (67%).

Die Menschen, die Arbeit haben, sind auch nur wenig besser gestellt. Der Tageslohn beträgt durchschnittlich etwa 5 Euro, was einem Monatslohn von circa 160 Euro für GymnasiallehrerInnen oder 200 Euro für ÄrztInnen entspricht, wie die

Zastava-Werk, zerstörte Halle

Zerstörte Halle des Zastava-Werkes. Dies
ist nur ein kleiner Teil des grossen
Fabrikkomplexes

Sozialdezernentin Frau Pajevic berichtet. Diese Beträge scheinen nicht vereinbar zu sein mit einem Bedarf von 350 Euro pro Monat für eine vierköpfige Familie bei einer 50 qm kleinen Wohnung ohne Einbeziehung von Kosten für Kleidung, Auto oder Schulgeld.

Die Folgen dieser Lohnknappheit sind einerseits die massenhafte Abwanderung von qualifizierten Menschen ins westeuropäische oder transatlantische Ausland, andererseits fördert dieser Zustand Korruption und Bestechung im Land. Für eine gute Behandlung beim Arzt muß der Patient dann schon mal was draufzahlen.

Geld fehlt natürlich auch im öffentlichen Haushalt in allen Bereichen. Geld, das dringend benötigt wird für die Instandsetzung und Modernisierung der Krankenhäuser und die angemessene Versorgung der Menschen mit Medikamenten oder um den 20.000 arbeitslosen jungen Menschen staatliche Unterstützung geben zu können. Bis jetzt sind sie völlig auf ihre Familien angewiesen.
Auch fehlt es an Geld, um die tausenden in Kragujevac lebenden Flüchtlinge noch intensiver unterstützen und die Hilfsprogramme am Laufen halten zu können. Denn Ideen sind da und einige Hilfsprojekte bestehen auch schon. Es wird in zwei Richtungen gearbeitet: Zum einen wird mit Hilfe von internationalen Organisationen versucht, den Flüchtlingen die Rückkehr in ihre alte Heimat zu ermöglichen, zum anderen müssen aber auch Unterbringungs- und Erwerbsmöglichkeiten in Kragujevac geschaffen werden. Internationale Unterstützung ist auch hier sehr wichtig, aber nur zum Teil werden laufende Projekte durch Partnerorganisationen unterstützt. Um konkret zu werden: Ein Projekt sieht vor, verlassene Häuser auf dem Land aufzukaufen, um es den Vertriebenen zur Landbearbeitung zur Verfügung zu stellen. Förderer aus dem Westen haben sich aber für diese Pläne noch nicht gefunden.

Nicht zuletzt sind die westlichen Staaten mitverantwortlich für die miserable wirtschaftliche und soziale Lage von Kragujevac. Die NATO Bombardierungen auf das Zastava-Werk und wichtige Verkehrspunkte haben Spuren hinterlassen. Frau Pajevic erzählt von den vielen Versprechungen auf Unterstützung beim Wiederaufbau, die von den westlichen Staaten gemacht wurden und man merkt ihr an, dass man sich hier mehr Hilfe von außen erhofft hatte. Zwar gab es direkt nach den Bombardierungen Hilfeleistungen in Form von Lebensmitteln und Medikamenten für die Flüchtlinge und auch die Entsorgung nicht detonierter Bomben. Auch die Entsorgung des im Zastava-Werk durch die Bombardierung freigesetzten hochgiftigen Piralens wurde von der EU übernommen. Doch mußten die Reparaturen an den bombardierten Gebäuden und den zahlreichen Häusern, die durch die Detonationen beschädigt wurden, von jugoslawischer Seite finanziert werden. Auch zugesagte Kredite für klein- und mittelständische Unternehmen blieben bis jetzt aus. Wenn die Investitionen aus dem Westen weiterhin nur so schleppend ansteigen und auch die Gelder der EU nicht zuverlässiger fließen, wird es schwer werden für Kragujevac, sich aus der misslichen Lage zu befreien.

“Um die Lage zu verdeutlichen will ich”, so Frau Pejavic, “einen zugegeben pessimistischen Ausblick in die Zukunft der Stadt wagen: Gut ausgebildete junge Menschen werden weiterhin ihr Glück in westlichen Ländern suchen, statt ihre Arbeitskraft für Niedrigstlöhne zu verkaufen.

Schwarzmarkthandel und Korruption werden einen immer größeren Raum einnehmen. Resignation und Lethargie in der Bevölkerung als eine Folge der jahrelangen Diktatur und Unfreiheit unter Milosevic, werden durch die unerfüllten Hoffnungen an die jetzige Zeit immer mehr die Stimmung unter den Menschen bestimmen. Verbunden damit steigen auch der Drogenkonsum und der Handel. Rechte Gesinnungen gewinnen immer mehr Raum, da sie Arbeit und Glück für alle versprechen. Vor allem aber vermögen sie es, den Menschen wieder eine Identität zu geben. Als eine weitere fatale Folge der schlechten wirtschaftlichen Lage wird die Geburtenrate zurückgehen, wie es in den letzten Jahren schon der Fall war. Kinder werden zum Luxusartikel, den sich nur wenige leisten können.”

Soweit die pessimistische Darstellung der Zukunft. Sie ist nicht unrealistisch, glaubt man den Ausführungen der Sozialdezernentin. Und trotzdem scheint dies nicht die einzige Möglichkeit zu sein, auf Kragujevac und seine Einwohner zu blicken. Denn da gibt es Menschen wie die jungen Studierenden der Widerstandsgruppe “Otpor”, die für ihr Land gekämpft haben, um es von der Mílosevic-Diktatur zu befreien und die jetzt für ihre Stadt kämpfen, um sie vor einer Zukunft wie der eben beschriebenen zu bewahren. Sie strahlen etwas wie Aufbruchstimmung aus. Sie sind kreativ und erfinderisch, stellen Kontakte zu Jugendorganisationen wie JANUN her, entwickeln Pläne für ein internationales Öko-Zentrum und suchen die Zusammenarbeit mit engagierten Politikern wie Frau Pajevic, um mit ihnen zusammen ein positives Zukunftsbild von Kragujevac zu entwerfen.
Auf das sich ein neuer Wandel der Stadt vollzieht!

Tabea Hosche