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Das Massaker der Deutschen

In einer Kneipe in Kragujevac: Eine Gruppe junger Menschen aus Deutschland sitzt gemeinsam mit serbischen Studierenden an einem Tisch. Alle sehen betreten auf den Fernseher, der in der Kneipe hängt. Bilder von Massenerschießungen sind dort zu sehen. Eine Gruppe Kinder wird zusammen mit Tausenden Erwachsenen auf eine Wiese gejagt und während sie um ihr Leben rennen, trifft einen nach dem anderen eine tödliche Kugel. Die Mörder sind Deutsche.

Die Erschießungen in Kragujevac am 21. Oktober 1941 gelten als eines der größten Verbrechen der Wehrmacht, sowohl nach dem Umfang als auch nach der Art der Durchführung. An diesem Tag wurden mehr als 2000 Menschenleben ausgelöscht.
Anlass für die Erschießungen waren Verluste auf deutscher Seite. Tschetniks und Partisanen hatten sich auf einer Straße bei Kragujevac einen heftigen Kampf mit einem deutschen Bataillon geliefert, bei dem 10 deutsche Soldaten getötet und 26 verwundet wurden. Gemäß einem Befehl des deutschen Wehrmachtsgenerals Böhme, nach dem für jeden getöteten deutschen Soldaten 100 Gefangene und für jeden verwundeten 50 Menschen von der Gegenseite erschossen werden sollten, wurden schon wenige Tage nach dem Kampf die ersten Menschen festgenommen. Als die ersten Kommunisten und Juden festgenommen und die Erschießung von 542 Menschen aus den umliegenden Dörfern durchgeführt worden waren, befand das deutsche Regiment der Wehrmacht diese Zahl für nicht ausreichend.

Man beschloss, die Erschießungen in Kragujevac fortzusetzen. Die Stadt wurde blockiert, Menschen wurden unter einem Vorwand aus ihren Häusern, Geschäften und Fabriken getrieben. Auch vor Schülern und ihren Lehrern machten die Soldaten keinen Halt. Sie alle wurden in Baracken am Stadtrand getrieben, wo sie in Angst verharrten, bis sie am Morgen des 21. Oktobers in Gruppen auf die angrenzenden Wiesen geführt und erschossen wurden.

Kurz vor dem Tod

Viele der erschossenen Menschen
hinterliessen noch Mitteilungen an Ihre
Familie: ' Meine Herzen und meine Schätzchen,
küsse, Mira. die Kinder an meiner Stelle.
Kinder, hört auf die Mutter und passt auf
euch auf. Lebt wohl für immer. Alle küsst
euer Vater Laza'
Lazar Pantelic, 48., Direktor des Gymnasiums.

Die schreckliche Bilanz dieser im Zeichen der Rache stehenden Tage sind 2778 getötete Menschen und eine von Schock und Trauer gezeichnete Stadt. Es heißt, dass es kein Haus gab, das nicht einen Toten zu beklagen hatte.

Während der Film läuft, breitet sich ein Schweigen am Tisch aus. Die Jugendlichen schauen betreten auf den Fernseher. Das Bier auf den Tischen wird schal, die fröhliche Kneipenmusik ist plötzlich fehl am Platz. Einige atmen auf, als dann der Abspann des Films läuft.

Die Kneipe ist noch bis spät in die Nacht geöffnet.

Das Massaker zeigt das grausame Vorgehen der Deutschen in Serbien. Über 90% der serbischen Jüdinnen und Juden wurden ermordet, zum großen Teil schon zu einer Zeit, in der in anderen Teilen Europas die Deportationen in die Vernichtungslager gerade erst begonnen hatten. Auch Zehntausende Roma und vermeintliche ›Kommunisten‹ und ›Partisanen‹ fielen den Deutschen zum Opfer, bevor diese 1944 von den Partisanen in Jugoslawien besiegt wurden.

Nach dem Sieg der Partisanen unter Tito wurde Kragujevac zur Stadt des ›21. Oktober‹ – zum zentralen Ort in Jugoslawien für die Erinnerung an die Opfer der deutschen Besatzung und vor allem des antifaschistischen Kampfes der jugoslawischen Partisanen. Zahlreiche Straßen und Einrichtungen in Kragujevac sind nach dem 21. Oktober benannt. Im Gymnasium, in dem damals die Schüler verhaftet worden waren, gibt es heute einen Klassenraum, in dem Bilder der Erschossenen zu sehen sind. Durch die mit der Erinnerung einhergehende Glorifizierung der Partisanen wurde Kragujevac in Jugoslawien inoffiziell auch die ›rote Stadt‹ Stadt genannt.

In den 70er Jahren wurde am Ort der Erschießungen in Schumarice ein 352 Hektar großer Gedenkpark mit einem Museum errichtet. Im Park liegen 30 Grabstätten, zehn davon mit künstlerisch gestalteten Monumenten. Alljährlich zum 21. Oktober wird der Park zur Pilgerstätte für Zehntausende. Es gibt kaum eine serbische Schulklasse, die den Gedenkpark in Kragujevac nicht besucht hat. Daran hat sich auch nach dem Ende des Sozialismus in Jugoslawien nicht viel geändert.

Kurz vor dem Tod

'Schickt morgen kein Brot. Jakov'
Jakov Medina, 56, Buchführer

Auch am 21. Oktober 2002, dem 61. Jahrestag des Massakers, gedachten über 30.000 Menschen den Opfern. Bisher fünf Millionen Menschen haben den Gedenkpark besucht, nicht eingerechnet die BewohnerInnen der Stadt, für die der Park ein beliebtes Ausflugziel ist.

Doch die Transformation Jugoslawiens zu einem serbischen Nationalstaat hinterlässt auch hier seine Spuren: Die Roten Sterne auf den Grabsteinen sind längst verschwunden, oft wurden sie durch gesprayte christliche Kreuze ersetzt. Zur Zeit entsteht mitten auf dem Gedenkgelände, zwischen den Massengräbern, eine orthodoxe Kapelle. Die offizielle Begründung lautet, den Religiösen unter den Opfern solle eine all zu späte Ehre zuteil werden, was auf das eigentliche Ziel hindeutet: Ein Gegenstück zur Ästhetik der Partisanen-Heroisierung zu schaffen.

Tabea Hosche und Lars Breuer