Skulptur aus deutschen Waffen in Sumarice
Man beschloss, die Erschießungen in Kragujevac fortzusetzen. Die Stadt wurde blockiert, Menschen wurden unter einem Vorwand aus ihren Häusern, Geschäften und Fabriken getrieben. Auch vor Schülern und ihren Lehrern machten die Soldaten keinen Halt. Sie alle wurden in Baracken am Stadtrand getrieben, wo sie in Angst verharrten, bis sie am Morgen des 21. Oktobers in Gruppen auf die angrenzenden Wiesen geführt und erschossen wurden.
Viele der erschossenen Menschen
hinterliessen noch Mitteilungen an Ihre
Familie: ' Meine Herzen und meine Schätzchen,
küsse, Mira. die Kinder an meiner Stelle.
Kinder, hört auf die Mutter und passt auf
euch auf. Lebt wohl für immer. Alle küsst
euer Vater Laza'
Lazar Pantelic, 48., Direktor des Gymnasiums.
Die schreckliche Bilanz dieser im Zeichen der Rache stehenden Tage sind 2778 getötete Menschen und eine von Schock und Trauer gezeichnete Stadt. Es heißt, dass es kein Haus gab, das nicht einen Toten zu beklagen hatte.
Während der Film läuft, breitet sich ein Schweigen am Tisch aus. Die Jugendlichen schauen betreten auf den Fernseher. Das Bier auf den Tischen wird schal, die fröhliche Kneipenmusik ist plötzlich fehl am Platz. Einige atmen auf, als dann der Abspann des Films läuft.
Das Massaker zeigt das grausame Vorgehen der Deutschen in Serbien. Über 90% der serbischen Jüdinnen und Juden wurden ermordet, zum großen Teil schon zu einer Zeit, in der in anderen Teilen Europas die Deportationen in die Vernichtungslager gerade erst begonnen hatten. Auch Zehntausende Roma und vermeintliche ›Kommunisten‹ und ›Partisanen‹ fielen den Deutschen zum Opfer, bevor diese 1944 von den Partisanen in Jugoslawien besiegt wurden.
Das grösste Monument in Sumarice - Es soll
vor allem an die vielen Kinder erinnern,
die von deutschen Wehrmachtssoldaten
erschossen wurden
In den 70er Jahren wurde am Ort der Erschießungen in Schumarice ein 352 Hektar großer Gedenkpark mit einem Museum errichtet. Im Park liegen 30 Grabstätten, zehn davon mit künstlerisch gestalteten Monumenten. Alljährlich zum 21. Oktober wird der Park zur Pilgerstätte für Zehntausende. Es gibt kaum eine serbische Schulklasse, die den Gedenkpark in Kragujevac nicht besucht hat. Daran hat sich auch nach dem Ende des Sozialismus in Jugoslawien nicht viel geändert.
'Schickt morgen kein Brot. Jakov'
Jakov Medina, 56, Buchführer
Auch am 21. Oktober 2002, dem 61. Jahrestag des Massakers, gedachten über 30.000 Menschen den Opfern. Bisher fünf Millionen Menschen haben den Gedenkpark besucht, nicht eingerechnet die BewohnerInnen der Stadt, für die der Park ein beliebtes Ausflugziel ist.
Doch die Transformation Jugoslawiens zu einem serbischen Nationalstaat hinterlässt auch hier seine Spuren: Die Roten Sterne auf den Grabsteinen sind längst verschwunden, oft wurden sie durch gesprayte christliche Kreuze ersetzt. Zur Zeit entsteht mitten auf dem Gedenkgelände, zwischen den Massengräbern, eine orthodoxe Kapelle. Die offizielle Begründung lautet, den Religiösen unter den Opfern solle eine all zu späte Ehre zuteil werden, was auf das eigentliche Ziel hindeutet: Ein Gegenstück zur Ästhetik der Partisanen-Heroisierung zu schaffen.
Tabea Hosche und Lars Breuer