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Interview mit ehemaligen Otpor-Aktiven

Woher kam Eure Motivation, euch für Otpor zu engagieren? Gab es Ereignisse, die Ihr rückblickend als Wendepunkt betrachten würdet?

Unsere Motivation kam in erster Linie aus dem Bestreben, jungen Menschen eine Perspektive in ihrem Heimatland zu ermöglichen. Meine Idee oder Hoffnung war es, als ein Ingenieur zu arbeiten, der auch die Möglichkeit hat, sich mit ausländischen Kollegen über seine Arbeit auszutauschen. In dieser Zeit war einer der entscheidenden Punkte, dass Serben sich nicht mit anderen Ländern austauschen und in Kontakt treten konnten.

Milosevic ist fertig...

Überklebtes Wahlplakat

Als wir noch unter den Sanktionen litten, war es fast unmöglich, Einsicht in neue Technologien oder Forschungsergebnisse zu erhalten. Es war außerdem sehr schwer, das Land zu verlassen, da die Sanktionen auch die Reisefreiheit betrafen. Und zu guter Letzt hatten wir eine sehr repressive Regierung, die mit Gesetzen die Pressefreiheit einschränkte. Wenn zum Beispiel einem Mitglied der Regierungsparteien ein Bericht in einer Zeitung nicht gefiel, konnte er die Journalisten verklagen und das Gericht war verpflichtet, innerhalb von 24 Stunden das Verfahren durchzuführen. Dies ließ natürlich für die Verteidung absolut keine Zeit und nebenbei waren die meisten Richter Mitglied in der sozialistischen oder radikalen Partei. So zahlten Zeitungen und TV-Sender mehrere Millionen Euro aufgrund dieses Gesetzes. Unter diesen Umständen war es sehr einfach, gute Gründe für eine Mitarbeit bei Otpor zu finden oder eine Gruppe mit Freunden in Kragujevac zu gründen.

Glaubst du, dass die Mitarbeit oder Unterstützung von Otpor gefährlich war?

Nein, eigentlich nicht. Ich weiß, dass einige Mitglieder von der Polizei überwacht wurden. Ihre Telefone wurden angezapft und sie wurden heimlich fotografiert. Nach dem Regierungswechsel am 5. 10. 2000 öffnete die neue Regierung die Akten der Polizei. Wir wissen nun sicher, dass wir überwacht wurden. Als ich meine Akte einsehen wollte, wurde mir gesagt, es gäbe keine. Aber ich weiß von anderen, die Einsicht nehmen konnten, dass mein Name sehr oft erwähnt wurde. Ich bin mir sicher, dass meine Akte vernichtet wurde.

Wie waren deine Erfahrungen mit der Polizei?

Etwa 2.000 Otpor-Aktivisten wurden insgesamt rund 40.000 Stunden in Gewahrsam genommen oder ins Gefängnis gesteckt. Das dürfte vielleicht ein ausreichendes Bild von dem Polizei-Terror geben. In Kragujevac war die Situation ein wenig anders. Die Stadt wurde schon länger von der Opposition regiert und daher war die Polizei nicht ganz so repressiv. Wahrscheinlich befürchteten sie Rache oder Vergeltungsaktionen der Bürger der Stadt. Aber es gab rund 150 (Fahndungs-) Akten bei der Polizei mit Fotos, Fingerabdrücken und weiteren Informationen über uns. Unsere Nachbarn wurden ausgefragt über unser Verhalten, ob wir drogenabhängig wären usw. Ich wurde vier mal verhaftet. Einmal wurde auch körperliche Gewalt angewendet. Im großen und ganzen konzentrierte sich die Polizei auf psychischen Terror, indem man uns öffentlich als Staatsfeinde, Landesverräter oder Spione für das Ausland beschimpfte. Wir wurden wie Kriminelle behandelt. Zum Beispiel wurden einige Aktivisten in der kleinen Stadt Vladicin Han 24 Stunden lang geschlagen und ihnen wurden Gewichte an die Genitalien gehängt. Die Ausmaße und die Formen der Unterdrückung zu beschreiben ist sehr schwierig. Es gibt aber einige Dokumentationen zu dem Thema.

Glaubst du, dass die Bombardierungen der NATO den Niedergang des Milosevic-Regimes beschleunigt haben?

Nein! Im Gegenteil. Es ist wohl normal, dass eine Nation, die von außen angegriffen wird, sich zusammenzieht. Wenn es die Bombardierungen nicht gegeben hätte, wäre der Regierungswechsel wohl schon ein Jahr früher gekommen.

Wie hast du die Bombardierung persönlich erlebt und wie hast du sie persönlich eingeschätzt?

Nun, wenn ich sagen würde, ich wäre besorgt, würde ich lügen. Aber ich würde auch lügen, zu sagen, ich hätte keine Angst gehabt. Als wir sahen, dass die Bombardierungen relativ präzise waren, haben wir uns ein wenig beruhigt. Aber man kann ja nie wissen. Es ist ein sehr unsicheres Gefühl, das schwer zu beschreiben ist. Ein anderes Land in unserer Situation hätte sich wahrscheinlich zu Tode gefürchtet. Aber bei uns war es irgendwie anders. Ich denke, die Bombardierung war eine eher schlechte Lösung und hat in Serbien nicht dazu geführt, dass eine friedliche Lösung des Kosovo-Problems akzeptiert wird. Meiner Meinung nach haben die “Peacemaker” nichts von der Geschichte des Balkan verstanden oder sie wollten sie nicht verstehen. Wenn sie etwas mehr Einblick gehabt hätten, hätten sie eine andere Lösung bevorzugt.

Welche Rolle spielt Otpor heute im politischen System und wie würdest du diese einschätzen?

Nun, die ist noch nicht klar definiert. Otpor organisiert eine Kampagne gegen Korruption, aber sie sind nicht wirklich in den Umbau des politischen Systems und die Denkweise der Leute eingebunden. Ihre “Anführer” haben den Mitgliedern geraten, etwas kürzer zu treten. Sie warten auf den richtigen Moment, sich im politischen System zu etablieren und zu einer richtigen Partei zu werden. Ich halte dies für einen Fehler, da sie eher aktiv den Umbau des Systems gestalten sollten. Aber irgendwie wollen sie daran nicht arbeiten, sondern in erster Linie kritisieren. Aus diesem Grunde haben wir Otpor verlassen.

Was sind die Unterschiede im Alltag heute und dem unter der Regierung von Milosevic?

Das Leben ist anders. Wir haben nicht mehr Geld, aber der psychische Druck existiert nicht mehr. Wir haben deutlich mehr Meinungsfreiheit. Zum Beispiel kritisieren einige Firmen und Unternehmen, die unter Milosevic nie ein kritisches Wort verloren haben, die neue Regierung sehr stark. Die sozialen Probleme sind sehr groß, aber im Reformprozess ist dies wohl normal. Mich bedrückt, dass die Leute sehr ungeduldig sind, obwohl sie zwölf Jahre unter Milosevic nichts getan haben. Ich persönlich fürchte, dass die serbische Regierung den Reformprozess nicht durchhalten kann. Der Druck ist sehr hoch, von der unverantwortlichen Partei Kostunicas bis hin zu den Radikalen und Sozialisten, begleitet von einigen peinlichen Skandalen und dem sozialen Druck der vielen Arbeitslosen.

Eine Frage an ältere Freunde oder Bekannte: Welche Gedanken kommen Ihnen, wenn Sie an die Zeit unter Tito, unter Milosevic und heute denken?

Ich fasse zusammen, was mir meine Nachbarn erzählt haben. Die beste Zeit zum Leben in Bezug auf Frieden und Lebensstandard war sicherlich die Zeit unter Tito. Er war ein sehr intelligenter Politiker. Seine Unterdrückung von politischen Gegnern war leise und nahezu unsichtbar. Milosevic war brutal und einer der größten Lügner in der serbischen Geschichte. Er versprach Groß-Serbien und Frieden und Wohlstand für die Serben und führte sie in den Krieg. Und das Einzige, um das es ihm wirklich ging, war Macht und Geld. In der Zeit Titos war das Leben vielleicht hart, aber nicht hoffnungslos. Die Milosevic-Ära war dagegen ohne Hoffnung, ohne eine Vision für das Land in der Zukunft. Nationalismus und Haß gegenüber allen anderen Staaten in der Welt wurde stärker. Heutzutage ist der Lebensstandard nicht sehr hoch, aber es gibt kleine positive Veränderungen im alltäglichen Leben. Es ist noch ein langer Weg, zurück zu den Standards unter Tito oder zum westeuropäischen Lebensstandard. Aber wir werden uns weiter bemühen.