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Auf Düsentriebs Pfaden

Der Besuch einer Grundschule in Kragujevac

Die Grundschule besuchten wir an einem Abend. Die meisten von uns waren erschöpft von den vier Terminen davor. Aber was uns Mile Stanic, der Schulleiter der Einrichtung, zu erzählen hatte, ließ viele von uns noch einmal aufhorchen.
Mile Stanic empfing uns in einer Art Großraumklassenzimmer, einem Dachgeschoss mit blauen Türen und Balken, Blumen und Bücherregalen. Die einzelnen Klassenräume waren nur durch Stellwände voneinander getrennt. Nach einer kurzen Begrüßung führte uns der Direktor durch das lose Gefüge von Räumen. Stehen blieben wir an einem Abschnitt, in dem ein hochmodernes Sprachlabor installiert war. Das Ganze sah aus wie ein Klassenraum im Hörsaalstil, jeder Platz war ausgestattet mit Kopfhörer und Mikro und einer kleinen Schalttafel.
Wenn auch etwas perplex über eine solch hochmoderne Einrichtung, ließen wir uns die Funktionsmöglichkeiten des Raums vorführen, in der Annahme, dass es sich wahrscheinlich um eine weitere Spende aus dem Westen handeln würde.

Als uns dann jedoch ein zweiter und sogar noch ein dritter Raum dieser Art gezeigt wurde, wurden wir doch stutzig. Zudem bot der letzte Raum Platz für mindestens 50 Schüler und war sogar ausgestattet mit PC und einem Beamer am Lehrerpult. Der Schulleiter führte uns sichtlich stolz die Möglichkeiten einer Visualisierung von z.B. Physik- oder Mathematikproblemen vor. Darüber hinaus gäbe es ein Mikroskop mit eingebauter Kamera, um Mikroskopiertes auf der Leinwand für alle sichtbar darstellen zu können. All dies, “um den Unterricht anschaulicher und interessanter zu machen” erklärte uns Mile Stanie. “Das Wichtigste ist, dass die Schüler mit ihrem Unterricht zufrieden sind. Dann kommen sie gerne zur Schule und lernen besser.” Die pädagogischen Konzepte der Schule würden deshalb völlig neuen Lehr- und Lernmethoden folgen, es gebe anschaulichere und effizientere Methoden, als ein bloßes Vortragen des Stoffes durch
den Lehrer, so der Direktor. Außerdem seien Fremdsprachen schon vom jüngsten Alter an auf dem Programm. Deshalb auch die Sprachlabore!

Ich kann mich weder erinnern, in Deutschland jemals solche Ansichten über Unterrichtsführung gehört zu haben, noch entsinne ich mich, schon einmal eine so technisch fortschrittliche Einrichtung gesehen zu haben. In meinem Gymnasium, gab es zwar ein Sprachlabor, jedoch sah das eher so aus, als habe dort jemand versucht, einer fünften Klasse Baseballunterricht zu geben.

Wie kommt eine kleine Grundschule in Serbien zu dieser Ausstattung? Die Frage, aus welchen Mitteln all dies finanziert worden war, war also unausweichlich. Und mit bescheidener Miene sagte der Schulleiter: “Ach, das haben wir selbst gebaut.” Es schien plötzlich so, als wolle der Direktor nun gehen. Oder uns zumindest weiterführen, um das Thema nicht vertiefen zu müssen. Mit einer so knappen Antwort gaben wir uns allerdings nicht zufrieden und stellten den Tiefstapler zur Rede. Und tatsächlich. Als sei es ganz selbstverständlich und überhaupt nichts Besonderes erzählte uns der Schulleiter seine Geschichte.

Seit Jahren schon habe es viele Akademiker ins Ausland gezogen, so Mile Stanic, weil sie in Serbien keine Perspektiven und Chancen gehabt hätten. Dazu gehörten auch viele Lehrer. Das Kollegium an dieser Schule jedoch stellte sich geschlossen gegen das Auswandern und beschloss im Gegenteil, die schlechte Lage aus eigener Kraft zu verbessern.

Ein Problem habe es damals vor allem mit schlechten Unterrichtsmaterialien und Medien gegeben und somit dachten sich die Lehrer der Schule diese Art von technisch unterstützten Klassenzimmern aus. Bei der Entwicklung übernahm dann jeder die Art von Arbeit, die seinem Fachgebiet entsprach: Der Lehrer für technisches Zeichnen fertigte die Baupläne an, ein Kunstlehrer unterstützte ihn und entwarf das Design. Danach setzte der Physiklehrer die elektronischen Bauteile zusammen und der Lehrer für Werken baute die Tische, Bänke und Schaltkästen. Die Endmontage führte der Schulleiter schließlich selbst durch. Nur die Headsets wurden gekauft.
Mittlerweile sind die Lehrer mit ihren Sprachlaboren in Produktion gegangen und installieren diese nun auch in anderen Schulen. Vor einigen Wochen hat das Team den Zuschlag für die Installation seines Systems in einigen montenegrinischen Schulen bekommen, um die technische Entwicklung dort voranzutreiben. Auftraggeber ist die deutsche Regierung.
Als er gerade seinen Bericht zu Ende gebracht hatte und wir damit beschäftigt waren, unsere Kinnladen wieder hochzuklappen, kam ein kleiner Junge in den Raum gelaufen. Er war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Der Schulleiter sah ihn, bückte sich und schloss das Kind in die Arme. Lächelnd sagte der Mann etwas auf Serbisch, der Junge lachte und schon war er wieder weg. “Das ist mein Sohn”, sagte der Direktor, “jeden Tag, wenn er kommt, läuft er zuerst zu mir, um mich zu begrüßen. Das machen die anderen Kinder auch.” Wieder staunen wir nicht schlecht, als uns der Schulleiter erklärt: “Ich versuche, meine Arbeit anders zu machen, als die meisten anderen Schulleiter. Viele heben sich als oberster Chef sehr stark von den Schülern ab. Ich versuche eher ein Freund zu sein, zu dem die Kinder auch kommen, wenn sie mal ein Problem haben.”

In einem Land, in dem man sonst eher ein konservatives Verständnis einer Schüler-Lehrer-Beziehung hat, ist diese Einstellung außergewöhnlich.
Mile Stanic führte uns weiter. In einem Bereich des Raumes befanden sich einige große und hochmoderne Kopierer. Auf die Frage, wofür diese benutzt würden, erklärte uns der Schulleiter, dass die Lehrer, aufgrund ungenügender und schlechter Versorgung mit Unterrichtsmaterialien, selbst zu Autoren geworden seien und Bücher mit Arbeitsblattvorlagen und Lehrerhilfen entwickelt hätten. Diese würden auf den Maschinen dann eigenhändig vervielfältigt und auch verkauft.

Eine weitere Erfindung der Lehrer wurde uns auf dem Weg zur Cafeteria präsentiert: Im Gang befanden sich, durch eine Stufe erhöht, vier Waschbecken. Wenn man auf die Stufen steigt, um sich die Hände zu waschen, geht plötzlich das Licht an und das Wasser beginnt zu laufen. Steigt man wieder herunter, geht beides wieder aus. “Die Kinder haben immer das Licht brennen lassen, da mussten wir uns eben etwas überlegen.”’, so Mile Stanic, während wir mit kindlicher Freude immer wieder auf die Stufen und wieder herunter stiegen.

Diese Schule ist etwas ganz Besonderes und sicherlich einmalig. Auch die serbischen Studenten, die uns begleiteten, sagten uns, dass diese Schule und seine Lehrkräfte eine absolute Ausnahme seien. Dabei kann jedes Kind aus Kragujevac diese Schule besuchen, Schulgeld wird nicht erhoben. Der Grund, warum nicht alle Eltern ihre Kinder hierher schicken ist einfach: es ist oft praktischer, die Sprösslinge zur Schule in der Nachbarschaft zu schicken. Insgesamt gibt es 22 Grundschulen in Kragujevac.

Mich persönlich hat dieser Termin sehr und vielleicht sogar am meisten beeindruckt. Dass Menschen aus eigener Initiative und ohne jeglichen Nutzen für sich selbst solche Dinge vollbringen können und dabei auch noch ihr ohnehin geringes Privatvermögen aufs Spiel setzen würden, hätte ich nicht erwartet Vor allem nicht bei einem Monatsgehalt von damals 50 Euro (mittlerweile verdienen die Lehrer 250 Euro). Und so ein Engagement eines gesamten Lehrerkollegiums habe ich hier in Deutschland auch noch nie gesehen. Auch nicht bei einem Monatsgehalt von 4000 Euro.

Es hat mich erstaunt, diese Schule gerade im wirtschaftlich schwachen Serbien kennen lernen zu können. Doch dann fällt mir ein: In diesem Land herrschte Krieg, und das noch vor kurzem. Es war nicht nur der Krieg, sondern auch die Diktatur Milosevics. Diese Zeit, in der es den Bildungseinrichtungen und dem ganzen Land finanziell miserabel ging, hat Serbien ein Land der Überlebenskünstler werden lassen. Überlebenskünstler, die Möglichkeiten finden, um ihre Not zu lindern. Genau das haben auch die Lehrer an dieser Schule getan.
Ich würde mir wünschen, dass sich einige Lehrer in Deutschland auch wieder mehr um neue und ansprechende Unterrichtsmethoden bemühen, anstatt bloß immer wieder ihre mehrere Jahre alten Konzepte und Arbeitsmaterialien wieder zu verwerten.

Es war sehr spannend, einmal wirklichen Enthusiasmus in der Bildung zu erleben und zu sehen, wie mit Tatkraft und Energie aus einem bloßen Traum in solchen Zeiten Realität wird.

Timur Cetin